Magazin.Suedtirol.com

Ein Bergführer erzählt

Matthias Larcher aus Reischach hat sein liebstes Hobby zum Beruf gemacht: Seit 2007 zeigt er Wanderern, Kletterern und Skitourenfans die aufregendsten Touren in und außerhalb von Südtirol und bringt sie sicher auf die schönsten Gipfel – und wieder herunter. Im Magazin.Suedtirol.com erzählt er mit strahlenden Augen und großer Begeisterung, wie er dazu gekommen ist, welche Gebirgszüge und welche Bergsteiger ihn nach wie vor faszinieren und wer seine Gäste sind.  

Matthias, du tust das, was in Südtirol viele Menschen liebend gerne in ihrer Freizeit oder im Urlaub machen, fast jeden Tag. Wie bist du dazu gekommen?

Bergführer war immer schon mein Traumberuf, schon als ich fünf Jahre alt war. Vor allem mein Vater hat mich häufig mit zum Wandern genommen, mir viele Touren ermöglicht und mir die Liebe und Wertschätzung für die Berge und die Natur weitergegeben. Einer seiner Kollegen war außerdem Bergführer, das hat mir sehr imponiert. In den „schwierigen Jahren“, also mit 14, 15, wo sich die Interessen oft verschieben, habe ich mein Hobby beibehalten und dann auch selbständig bzw. mit Freunden immer schwierigere Touren gemacht.

Bergführer wird man jedoch nicht von heute auf morgen. Wie hast du die Ausbildung erlebt?

Die Ausbildung zum Bergführer ist ziemlich lang und erst recht nicht einfach, da wird man schon unter Druck gesetzt und auf Herz und Nieren getestet. Damit du überhaupt angenommen wirst, musst du einen Tourenbericht in verschiedenen Disziplinen vorlegen und eine praktische Aufnahmeprüfung machen. Erst dann beginnen die einzelnen Kurse in mehreren Modulen – Fels, Skitour, Theorie mit Wetter, Alpingeschichte, Materialkunde usw. Nach rund 100 Kurstagen und Prüfungen ist man schließlich für eineinhalb Jahre Bergführer-Anwärter, ehe man zur internationalen Befähigungsprüfung antreten kann. Ist die geschafft, ist man aber Bergführer ohne Einschränkungen. (lacht)

Und du hast es geschafft. Erinnerst du dich noch an die erste Tour, die du geführt hast?

Ja, sehr gut sogar, weil es der 01. Januar 2008 war. Wir machten bei wolkenlosem Himmel und sehr guten Verhältnissen eine Skitour auf den Hohen Mann in Gsies. Außer uns war kaum jemand unterwegs, sodass meine ersten Gäste die Tour in vollen Zügen genossen. (grinst) Sie sind übrigens bis heute meine Gäste.

Was ist für dich das Schönste am Bergführer-Sein?

Zum einen die große Abwechslung und dass man mit Menschen – zum Teil sehr unterschiedlichen Menschen arbeitet. Da kann man selbst sehr viel lernen. Zum anderen ermöglicht man als Bergführer den Leuten etwas, das sie alleine vielleicht nicht machen würden und man bekommt sehr viel zurück, wenn man am Ende der Tour in zufriedene Gesichter blickt. Und natürlich verbringt man viel Zeit in der Natur.

Hat die Medaille auch eine Kehrseite?

Ein wenig schon. Während der Hauptsaison muss man sich als Bergführer auf stressige Wochen einstellen. Nicht so sehr deshalb, weil man eine Tour nach der anderen macht, sondern weil es dazwischen allerhand zu erledigen gibt: E-Mails beantworten, Angebote schreiben, Touren planen, die Zusammenarbeit mit Hotels organisieren usw. Wenn Touren mehrere Tage dauern und ich damit längere Zeit nicht zuhause bin, fehlt mir natürlich meine Familie. Ein bisschen kommen auch Schuldgefühle auf, wenn ich mit vielen schönen Eindrücken nach Hause komme, während daheim viel zu tun war. Würde ich etwas anderes arbeiten, wäre das allerdings wohl auch so.

Wie viele Touren führst du ungefähr pro Jahr und wo bist du unterwegs?

100 bis 120. Hauptsächlich in den Dolomiten, ab und zu auch in den Westalpen und in anderen Gegenden in Südtirol. Die Nachfrage nach Touren in den Dolomiten ist aber immer am größten – vor allem seit sie zum Weltnaturerbe gehören.

100 bis 120 Touren – klingt ganz schön viel. Kann man davon leben?

Leider nein. Als hauptberuflicher Bergführer sollte man so um die 180 Touren pro Jahr machen, eventuell auch mehr, aber selbst dann ist es schwierig. Es wäre ein Traum, nur Bergführer und nicht Lehrer und Bergführer zu sein. Finanziell, hinsichtlich der Absicherung für später und durch die Verantwortung meiner Familie gegenüber muss ich hier jedoch – ebenso wie auf dem Berg – einen sicheren Weg gehen. Plus brauche ich ein bisschen Zeit für mich, auch um mich fit zu halten.

Heißt das, du gehst auch in deiner Freizeit noch gerne auf den Berg  

Ja natürlich! (lacht)

Hast du dann einen Lieblingsberg oder eine Tour, die dir besonders gut gefällt?

Schwer zu sagen. Mir gefallen sie eigentlich alle. Ich könnte nicht einmal sagen, ob mir Sommer oder Winter lieber ist, weil jede Jahreszeit ihren besonderen Reiz hat.

Und welcher Gipfel steht ganz oben auf deiner „to climb-Liste“? Welcher wird dich nie sehen?

Ich möchte demnächst gerne zum Skitourengehen nach Norwegen fahren. Dagegen reizt mich zum Beispiel das Matterhorn gar nicht, obwohl es ein wunderschöner Berg ist. Da sind einfach so viele Leute unterwegs. Lieber mach ich Klettertouren in den Dolomiten, die ich noch nicht gemacht habe – oder wiederhole dort besonders eindrucksvolle Routen.

Sind die Dolomiten für dich ebenfalls die „schönsten Berge der Welt“ wie für Reinhold Messner?

Ja. Weil sie so vielfältig und abwechslungsreich sind und von der Kultur her so besonders. Die Felswände an sich sind zwar eher karg, aber gerade der Sonnenuntergang taucht sie in wundervolle Farben. Es gibt einige Gegenden in den Dolomiten, die mittlerweile fast zu gut besucht sind, jedoch auch Orte, wo man ganz alleine ist – und die sind besonders schön.

Apropos Reinhold Messner – hast du neben deinem Vater weitere Bergsteiger-Vorbilder?

Ein Reinhold Messner ist sicherlich ein Vorbild, weil er neue und extrem schwierige Wege gegangen ist, Grenzen verschoben und in den 70ern Aussagen zum Thema Alpinismus getroffen hat, die bis heute gültig sind. Ich habe jedoch auch viel von Bergführern gelernt, mit denen ich zusammenarbeite – in der Weise wie sie arbeiten, wie sie Touren organisieren, mit Gästen umgehen usw.

Wer sind deine Gäste, das heißt wer engagiert einen Bergführer?

Das ist ganz unterschiedlich. Einerseits Leute, die mit dem Bergsteigen erst angefangen haben und sich deshalb noch nicht jede Tour zutrauen. Andererseits auch sehr gute, hervorragend trainierte Bergsteiger, die zum Beispiel auf den Ortler auch alleine hinaufkommen würden. Mit der Organisation, Wegfindung usw. wäre das für sie allerdings mit viel Aufwand und Stress verbunden, weshalb sie sich an mich wenden. Mehrheitlich sind es auch Gäste von außerhalb, Südtiroler buchen einen Bergführer eher für besondere Gipfel.

In den vergangenen Wochen sind leider wieder einige Unglücksfälle in den Bergen passiert. Was gibst du allen, die in der Höhe unterwegs sind, mit auf dem Weg, damit sie sicher hinauf und wieder herunter kommen?

Jeder sollte mit dem nötigen Respekt und der nötigen Vorsicht in die Berge gehen. Im Sommer wie im Winter gehört dazu eine ordentliche Planung. Auf dem Weg muss man aber auch die jeweiligen Verhältnisse beobachten und abschätzen, ob diese Planung einhaltbar ist. Die Natur und die Berge haben andere Gesetze und sind nicht zu unterschätzen. Natürlich kann man auch Tipps von erfahrenen Bergsteigern einholen oder eventuell eine Ausbildung besuchen. Auf keinen Fall sollte man sich von anderen zu etwas drängen lassen und nur solche Touren unternehmen, die den eigenen Fähigkeiten entsprechen und einem auch Freude bereiten. Man muss nicht extreme Touren machen, um die Berge zu genießen.

Berg Heil & vielen Dank für das Gespräch!

 

Weitere Informationen:
www.matthiaslarcher.com

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Fotos © Matthias Larcher

geschrieben von
Steffi
am 23.02.2015