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Almabtrieb in Südtirol

Im Herbst, wenn sich das bäuerliche Arbeitsjahr dem Ende zuneigt, finden in vielen Orten Südtirols feierliche Almabtriebe statt. Das bunte Schauspiel hat eine sehr lange Tradition, welche besonders in den letzten Jahren wieder mehr gepflegt wird.

Der Abschied vom Sommer auf der Alm ist meist mit etwas Wehmut verbunden, denn die frische Luft, die gesunden Wiesenkräuter und die ausreichende Bewegung der Tiere machen eine gute Milch und steigern die Gesundheit der Kühe, Schafe und Ziegen. Zugleich aber werden die Hirten, Senner und Tiere mit großer Freude im Dorf erwartet.

Auch wenn sich heute vieles geändert hat und die Tiere mancherorts mit dem Traktor ins Tal gebracht werden, belebt man in einigen Orten Südtirols wieder die alte Tradition und nimmt den oft langen und beschwerlichen Fußweg wie zu Großvaters Zeiten auf sich. Für einige Bauern und Hirten bedeutet dies sogar einen Marsch von mehreren Tagen. So legen beim jährlichen Schafübertrieb zwischen dem Schnalstal in Südtirol und dem Ötztal in Österreich bis zu 3.500 Tiere mit 20 Begleitern und Hirtenhunden einen zwölf Stunden langen Marsch über felsige Wege und gefährliche Schneefelder zurück.

Aber warum wird der Almabtrieb eigentlich so freudig gefeiert? Lange Zeit glaubte man, dass der prächtige und aufwendig gestaltete Schmuck der Tiere auf einen heidnischen Brauch zurückgeht, der sie auf der Wanderung vor Dämonen und dem bösen Blick schützen sollte.

Obwohl der Kopfputz und die lauten Glocken an die Masken der Perchten (im Alpenraum traditionell als Teufel oder Dämonen verkleidete Gestalten) erinnern, sollten vermutlich nur die Freude über die Rückkehr ins Tal und die Dankbarkeit über eine gute Zeit auf der Alm zum Ausdruck gebracht werden. Wenn den Sommer über auf der Alm oder am heimischen Hof ein Unglück passierte, wurden die Tiere gar nicht oder mit schwarzem Schmuck behängt. Die prächtigen Glocken wurden ausgestopft oder der Klöppel entfernt, sodass auch der typische Klang eines Almabriebs ausblieb.

Beim Schmuck der Tiere sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Je nach Ort oder Alm werden frische Materialien wie Blumen, Zweige oder Tannenzapfen verwendet, aber auch beständige Elemente wie Papier, Wachsperlen, Spiegel und Heiligenbildchen werden eingearbeitet. Am auffälligsten und schönsten geschmückt wird meist die beste oder wertvollste Kuh. Sie geht voran, wird „Kranzlkuh“ genannt und trägt auch die größte und prächtigste Glocke um den Hals. Schafe und Ziegen werden meist dezenter geschmückt.

In vielen Orten werden die Tiere erst kurz vor dem Einzug ins Dorf herausgeputzt, da der schwere und unhandliche Schmuck während des Abtriebes zur Gefahr für Tiere und Menschen werden kann. Auch die Hirten und Begleiter der Herde ziehen jetzt eine festliche Tracht an, denn im Dorf werden sie von vielen erfreuten Menschen und einem rauschenden Fest erwartet.

Die Bilder zeigen den Almabtrieb in Stefansdorf bei Bruneck. Besonders auffällig sind die schwarzweiß gesprenkelten Kühe. Bei ihnen handelt es sich um die Pustertaler Sprinzen – eine alte und mittlerweile seltene Kuh-Rasse. Die festlich geschmückten Kühe werden von Pferden, Schafen, Eseln und Ziegen begleitet. Sehenswert sind auch die festlichen Wagen und die schönen Trachten der Stefansdorfer. Beim anschließenden Fest können bäuerliche Köstlichkeiten nach traditionellem Rezept genossen werden.

Fotos und Video: © Richard Kammerer

am 22.11.2013